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Küsse in Pink

Buchrenzension aus der Gorizi-Onlineredaktion

An dem Tag, an dem das unscheinbare Päckchen in meinem Briefkasten lag, bin ich die vier Treppen zu unserer Wohnung ziemlich schnell hinaufgehetzt, mit dem Ergebnis, dass ich oben, glücklich aber ohne Sauerstoffzufuhr, das Packpapier in der ganzen Wohnung verteilend, dieses Buch in der Hand hielt.

Farbe

Und: Es war nicht pink. Ich war enttäuscht. Ich kannte nur den Titel, und „Küsse in Pink“ klang für mich extrem pink, zumindest rosa. Aber durch den gelborangen Hintergrund mit dem Foto der zwei Mädchen (oder besser ihrer reizvollen Hinterteile) sah es auf den ersten Blick mehr wie ein Jugendbuch aus. Na ja, Coming Out gehört ja auch eigentlich irgendwie zur Pubertät, zum Jungsein, zur Jugend.

Überlegen?

Ich hielt mich also beim Beginn der Lektüre für dem Buch weit überlegen, weil ich mein Coming Out schon eine Weile hinter mir habe. Trotzdem begeisterten mich die Geschichten sofort. Sei es Chrissy, die ihre erste Liebe erlebt oder Lucie, die ihre Gefühle so lange nicht zuordnen kann, oder Lina, die nach ihrem inneren Coming Out ziemlich schnell Erfahrungen sammelt.

Inhalt

Küsse in Pink besteht aus Kurzgeschichten und erzählt von den verschiedensten Mädchen und jungen Frauen, sogar ein Drag King berichtet von seinem Coming Out.
Zwischendurch erklärt die Autorin immer wieder Dinge die jede Lesbe wohl schon mal erlebt hat, und die wirklich wichtig sind, wenn man mit vielleicht 14, vielleicht 18 oder auch 12 dasteht und sich denkt: Ja gut. Und jetzt?

Wiederfinden

Die Geschichte der gleichgeschlechtlichen Liebe im Zeitraffer, Gefühle beim oder vor dem inneren Coming Out werden einfühlsam beschrieben und erklärt. Spätestens nach der zweiten Geschichte von Alysha las ich das Buch nicht mehr unter dem Aspekt „Weiß-ich-schon-brauch-ich-nicht“, sondern stellte verblüfft fest, dass ich diese ganzen Gefühle, die ich damals hatte, jetzt endlich benennen und zuordnen konnte, dass es mir nicht allein so ergangen war. Mein Coming Out war recht verkrüppelt verlaufen und ich war bis Küsse in Pink der festen Überzeugung, dass ich die Einzige war, die das so irgendwie erlebt hatte, dass es bei allen anderen besser gelaufen war.

Bis hierhin war es informativ, ganz nett, und wirklich total schön, zu lesen, wie es anderen „wie mir“ ging. Und dann, zu meinem Erstaunen, wird auch explizit über Sex gesprochen, über Safer Sex (was sehr wichtig ist, denn wer ist darüber schon aufgeklärt?), und auch über Sextoys, Analsex, Oralsex und SM-Praktiken – über all die Dinge, die frau vielleicht auch empfindet, aber nicht zuordnen kann.

Ich will hier nichts mehr über die Geschichten schreiben, nur so viel: Sie sind so breit gefächert (und das war ja auch eine Intention des Buches), dass jeder sich in ihnen wiederfinden kann und soll.
Frau fiebert mit, und an der einen oder anderen Stelle habe zumindest ich immer wieder gedacht: Wow. Das bin ich. Das bin sowas von ich. Oder: Das ist meine Freundin. Das ist eine Bekannte.
Frau fühlt sich nicht mehr alleine, ich kann nur sagen, dass ich, als ich genau das gefühlt habe, so ein Buch gerne gehabt hätte.

Wertung

Wenn ich jetzt kleine Sternchen oder Herzchen vergeben könnte, würde dieses Buch die volle Punktzahl erhalten. Es hält und übertrifft, was es verspricht, und ist kein Buch, das nur für junge Frauen vor oder während ihres Coming Outs zu empfehlen ist, wie ich am eigenen Leib erfahren durfte (und da ist der nicht-pinke Einband gar nicht mehr so dramatisch).

Und die Fakten?

Autorin: Silvy Pommerenke
Titel: Küsse in Pink
Verlag: Krug & Schadenberg

Rezension von Honigfee