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Kapitel 14: Zurück nach Hause

Kapitel 14: Zurück nach Hause

 

 

Umkleide

Agnes sah sie nur kurz an. Irgendwie war sie nicht verwundert gewesen, als Noemi die ganze Stunde nicht erschienen war. Und fast schon hatte sie damit gerechnet, dass sie verschwunden sein würde.

Silvia, hochrot im Gesicht und Schweiß überströmt (aber nicht vom Sport, sondern vom Trepenlaufen, sie hatte die ganze Stunde auf der Bank gesessen), klopfte Agnes auf die Schulter. „Du machst das total gut, mit der Selbstverteidigung, echt," lobte sie sie. „Kannst du mir das zeigen?"

Mehrere Mitschüler warfen sich leicht spöttische Blicke zu. Agnes nickte nur stumm, und blickte hinter Noemi her, die den Raum verließ. „Oh super! Ich komm dann zu dir, ja? So um 5? Ist das recht?" In ihrer Tasche knisterte Schokoladenpapier. Agnes nickte ein zweites Mal. So schnell ging das mit dem Freundschaften schließen.

 

Umstimmung

Auf dem Rückweg in die Klasse ging sie im Kopf ihre Aufsätze durch. Zwei ihrer Essays waren bereits veröffentlicht, die schieden eh aus für den Wettbewerb. Zwei weitere fand sie nicht besonders originell, ein dritter über den Typus des Philosophen zu Beginn des 19. Jahrhunderts allerdings hielt sie für gelungen. Sie hatte extra dafür einen Tagesausflug in die Universität Köln gemacht, ganz allein. Darauf war sie wirklich stolz, auf diesen Essay. Agnes war fest entschlossen, Herrn Dr. Breitner wieder umzustimmen. Dafür musste sie nur hingehen, Noemi hatte inzwischen sicherlich alles richtig gestellt.

 

Verstimmung

Noemi indessen war hinter die Schule gelaufen. „Kai?" Sie sah sich verstohlen um. Insgeheim stellte sie sich immer vor, sie würde verfolgt werden. Leise schlich sie sich an der Hauswand entlang und machte große Schritte, damit sie nicht auf das Laub trat. Nur kein Geräusch machen, damit ihre Verfolger sie nicht bemerkten.

Kai, der bereits an ihrem Treffpunkt wartete, beobachtete die Szene belustigt. „Noemi?" Die kleine Gestalt (die in ihrem schwarzen Kleidern vor der weißen Hauswand nicht ausreichend getarnt war) schreckt auf und hob ihre Fäuste. Als ihr auffiel, dass sie einer ihrer Fantasien erlegen war, räusperte sie sich und trat Kai in einem geschäftlich-distanzierten Ton gegenüber. „Ja bitte?" Kai kicherte. „Du bist so süß." Er wollte sie ein wenig einwickeln.

„Was wolltest du von mir?" Noemi ahnte, dass etwas nicht gut lief. „Was ist denn los?"

„Na ja..." Kai druckste herum. „Noemi, es gibt da ein Problem..."

Er sah ihr in die Augen und legte seine Hände auf ihre Schultern.

„Du kannst nicht mehr bei mir wohnen, echt nicht," sagte er. „Tut mir leid."

 

Allein

Noemi traten die Tränen in die Augen. „Aber. Aber. Aber." Es hörte sich nicht so an, als ob nach diesem Wort noch ein Satz folgen würde.

„Das hat nichts damit zu tun, ob ich dich liebe oder nicht, echt nicht. Ich liebe dich, Süße..." Noemi hörte schon nicht mehr zu.

„Ich hab doch nur dich. Ich bin doch ganz allein," schluchzte sie. „Ich bin doch so allein, Kai," und in ihren Augen sammelten sich dicke Krokodilstränen.

„Noemi, jetzt stell dich nicht so an. Du hast zu Hause ein Zimmer, das doppelt so groß ist wie meins," versuchte er sie aufzuheitern.

„Ich schlaf auch auf dem Boden! Oder in der Badewanne! In der Küche! Wie Aschenputtel vor dem Ofen!" Kai musste trotz seines schlechten Gewissens lächeln. „Noemi..." Er umarmte sie und strich ihr mit einer Hand über die vom vielen Färben strohigen Haare. Und nur an der Art, wie sie sich an ihm festklammerte, merkte er, dass sie wirklich allein war ohne ihn.