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Das Glück und seine Neider - Kapitel 20


Kapitel 20: Kussmund.

 

Scheinerblindung

Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Ihre Frau war hier, um sie zu sehen! Moline blinzelte in die Scheinwerfer, die sie blind machten, aber erfolglos. Nichts konnte sie sehen, und nichts konnte sie tun, damit dieses Licht verschwände. Sie summte weiter die Melodie und schloss die Augen. Wenn das Glück sie nur ein bisschen liebte, würde es ihr ein Zeichen schicken...

Carina schrie. Moline, hier! Hier bin ich doch... Aber Moline sang weiter. Sie hatte den Armreif über ihre Hand gestreift. Da blitzte er nun gefährlich unter ihrem Ärmel hervor. Sie hatte sie vergessen. Moline, ich bin hier...

Ihr Mut sank gen Horizont, drohte, auf dem harten Boden der Realität aufzuschlagen. Sie hatte zu lange gewartet, zu lange Zeit mit ihrer Depression verbracht. Jetzt war es vorbei. Sie war alt und hässlich geworden und niemand wollte sie mehr ansehen. Schon gar nicht Moline...

Jean tobte. Jean schrie. Was fiel ihr ein, was tat sie da? Dass sie ein simpler Armreif so aus der Fassung geraten ließ! Was sollte er tun, sie feuern? Konnte er nicht, sie war schließlich seine Ehefrau. Sie verlassen? Sich von dieser Schande freisprechen, sagen, er habe nichts von diesem Boykott der Dame gewusst?

Er schüttelte den Kopf. Das musste ein Ende haben. Und er ging entschlossen auf die Bühne, zog den Stecker der Verstärker und hörte zu, wie das Konzert mit einem dumpfen Grollen des Stromkabels endete. Zufriedenheit machte sich in ihm breit. Er hatte sie alle gerettet. Er, Jean, hatte diese Schande abgewendet. Sie musste ihm dankbar sein.

Manon beobachtete und erschrak. Was fiel ihm ein, was tat er da? Er konnte doch nicht... doch, er konnte. Und sie verstand die Welt nicht mehr. Wieso tat er ihr das an, wieso tat er Moline das an? Sie schnaubte verächtlich und sah gespannt auf die Bühne, voller Vorfreue, wie er der wütenden Menge diesen Aussetzer erklären würde.

Moline trat zur Seite, in den Schatten der Scheinwerfer und ihres Ehemannes. Sie sah in die weite Menge, die den Park füllte. Diese Menschen waren gekommen, um sie zu hören. Alle diese Menschen mochten sie. Sie war kein schlechter Mensch. Und dann entdeckte sie Carina.

Lippenblüten

Carina stand da und winkte, und sprang in die Luft und ging zu Boden. Sie stand wieder auf und schwamm im Menschenschwarm nach vorne, so weit, dass sie selbst für einen Reporter zu nah an der Bühne stand.

Moline, hier bin ich!, rief sie, und Moline reichte ihr die Hand. Sie war gekommen. Moline lachte und weinte. Sie war wirklich gekommen. Carina nahm die Hand mit der kurzen Lebenslinie, klebte daran und ließ sich entführen.

Auf der Bühne sah Moline ihr tief in die Augen, beugte sich zu ihr und gab ihr einen sanften Kuss auf den Mund. Ihre Lippen waren immer noch weich. So weich wie sie aussahen, also eigentlich nicht überraschend. Aber etwas in ihr schreckte davor zurück, den Kuss zu erwidern, nicht, weil sie beide Frauen waren, auch nicht, weil ihnen gerade die halbe Welt zusah.

Einfach, weil Moline so schön war. Und so vollkommen. Und sie selbst war dünn und hässlich und alt, nicht vollkommen, und wenn sie sich küssten dann verschwand etwas von der Schönheit, die Moline ausstrahlte, hässlich und atemberaubend schön gibt eben nur noch schön. Aber irgendwie... war ihr das auch egal.

Es sollte der skandalöseste Kuss vor laufenden Kameras werden, den es je gegeben hatte. Aber auch das war ihr egal. Die von ihr verehrteste Dame sank in ihre Arme. Sie küsste, umarmte, spürte. Vergaß die Zeit, schwindelte, flog mit ihren Schmetterlingen im Bauch davon und wieder zurück, schwebte, und wusste, was Liebe ist.

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Die Geschichte ist von unserer gorizi-Nutzerin Honigfee.
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