User login

gorizi.de
Bundesweites Portal für junge Lesben

Das Glück und seine Neider - 1. Kapitel

Kapitel 1: Glücksmoment.

Carina von Klinker

Carina von Klinker schloss die Haustür und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Es musste einfach heute sein, es war der perfekte Tag für einen Leseabend. Grau, trist, verregnet, der Wind peitschte in ihr Gesicht, ohrfeigte sie und zog ungerührt weiter. Letzte Blätter und Tropfen vom gestrigen Gewitter veranstalteten ein Wettrennen unter ihrem Rock.

An der großen Kreuzung blieb sie stehen; das Gewitter hatte die Ampel mitgerissen, und die Autos fuhren wie sie es für richtig hielten. Keiner hörte auf den anderen, niemand achtete.

Achten war eine seltene Gabe, mit der Carina gleich zweifach gesegnet war. Sie war eine gute Achterin, sie achtete immer, wenn es etwas zu achten gab, sie achtete darauf und darunter und darin. Und sie achtete ihn.

Der Bibliothekar war ein weiser Mann, der sicherlich an die 60 Falten zählte, Falten wie Jahre, und es sollten mehr werden, im Verlauf seines Lebens. Er belehrte sie mit seinen altmodischen Vorstellungen von Liebe, Tugend und Moral, und von Büchern, und letzteres interessierte Carina eigentlich am meisten.

Aber dies hier soll eine Kurzgeschichte werden, eine Kurzgeschichte über das kurze Glück.

Carina betrat die Bibliothek und achtete, als erstes auf alles. Auf die Blätter, die jubelnd über ihren Sieg unter ihrem Rock hervorkrochen, auf die Polizei, die in der Ecke über Rechtswissen ihre Mittagspause machte, und auf den Bibliothekar, der sie nicht beachtete, sondern schlief.

Faszination

Sie schlich in den hinteren Bereich, an Psychologie, Theologie und Geschichte vorbei, hin zu Weltliteratur und Neue Literatur. Sie wollte sehen, was der Abend zu bieten hatte. Draußen heulte eine Sirene. Ein paar Kinder kreischten in der Ferne, und der Verkehr rauschte .

Die junge Frau mit den langen, braunen Haaren und den blauen Augen, die sie ganz ohne Kontaktlinsen trug, nahm das Buch mit dem Titel „Das Glück und seine Neider“.

„Das Glück ist ein seltsamer Weggefährte. Es lässt sich, obgleich es sicherlich eine sehr kleine Persönlichkeit ist, durch seine innere Größe , durch sein durchscheinendes, aber undurchsichtiges Wesen nicht fassen und überhaupt gar nicht recht beschreiben. Es ist da und nicht da, es geht und kommt wie es will und es tut was es will. Man könnte meinen, das Glück sei widerspenstig, keine Frohnatur, Pessimist, Angsthase, der verschwindet, wenn er gebraucht wird. Genau, das Glück hat Angst vor der Verantwortung.“

Sie schlug das Buch zu und stellte es wieder weg. Ein Buch übers Glück. Carina brauchte es ganz ohne Druckerschwärze. Eine gewaltige Portion, wenn es genehm ist, und bitte zum mitnehmen. Kaum Geld, miese Wohnung, zwischen den Zähnen nur das, was billig ist. Kein Job, kein Platz zum lesen. Merkwürdiges Leben.

Weiter zum 2.Kapitel!

Die Geschichte ist von unserer gorizi-Nutzerin Honigfee.
Im Forum kann über "Das Glück und seine Neider" diskutiert, gequatscht und spekuliert werden.

Zur Kapitelübersicht!